Am Sonntagabend ist der erste Nachtzug seit vielen Jahren von Wien nach Brüssel gefahren. Die ÖBB haben dies kommunikativ intensiv begleitet und auf den sozialen Medien gekonnt ausgespielt. Rund um den Start dieser Linie konnten einige Phänomene beobachtet werden, die im Zusammenhang mit Nachtzügen immer wieder sichtbar werden:

  1. Nachtzüge sind Hip. Politiker zeigen sich gerne auf Fotos mit den Zügen und in den sozialen Medien werden Nachtzüge abgefeiert.
  2. Nachtzüge sind kompliziert. Eine neue Linie zu starten ist enorm aufwändig, braucht viel Planung, Personal und Schienenkapazitäten.
  3. Die Anforderungen an Nachtzüge sind hoch. Reisende erwarten WLAN, einen zeitgemässen Komfort und möchten zu praktischen Zeiten ankommen.

Hipsterverkehrsmittel Nachtzüge

Die ÖBB liess beim Start des neuen Nachtzugs nichts anbrennen. Der Zug wurde herausgeputzt, Politiker durften Fotos mit dem neuen Zug machen und der Hashtag #loveyourplanet wurde intensiv genutzt. Dass Nachtzüge in Zeiten von Flugscham eine willkommene Alternative sind und entsprechend vermarktet werden macht Sinn. Das Selbstbewusstsein, mit dem die ÖBB ihr Angebot vermarktet lässt auf weitere Linien hoffen.

Trotzdem, ein derartiges Angebot zu starten ist keine einfache Aufgabe. Dies lässt sich an verschiedenen Reaktionen auf den neuen Zug beobachten.

Trassen, Ankunftszeiten, Lokomotiven

Der Start einer neuen Zugverbindung ist deutlich komplizierter, als sich dies manch einer vorstellen mag. Vor allem die Planung der Trassen ist nicht einfach. So hat die ÖBB für das laufende Jahr offenbar noch nicht die gewünschten Kapazitäten erhalten (Schienentrassen werden für regelmässige Verbindungen fast ein Jahr im Voraus gebucht). Damit der Zug also überhaupt möglich war, wurde das bestehende Angebot nach Düsseldorf nach Brüssel 'weitergezogen'. Damit brauchte die ÖBB 'nur' zusätzliche Trasse von dort nach Brüssel.

In Zukunft wird die ÖBB versuchen, andere «Slots» (nennt man das im Bahnverkehr auch so?) zu erhalten. Die Planungszyklen für solche Schienentrassen sind aber relativ langfristig. Gut möglich, dass andere Zeiten erst ab dem nächsten Fahrplanwechsel möglich sind.

Ein weiteres Problem dürfte zudem sein, dass die Bahnhöfe und Schienen in den Städten während der Rush-Hour am Morgen ziemlich stark belegt sind. Eine Ankunft um 8 Uhr an einem grossen Bahnhof in Brüssel dürfte somit sehr schwierig werden. Hinzu kommen zusätzliche Lokomotiven, die für die unterschiedlichen Länder nötig sind und natürlich das entsprechende Personal.

Hohe Anforderungen von Kunden

Aus einigen Reaktionen in den sozialen Medien lässt sich sehr gut ablesen, dass Kunden von einem Nachtzug weit mehr erwarten, als über Nacht von A nach B zu gelangen. So ist das Frühstück in jedem zweiten Post ein Thema, dazu kommen Wünsche nach WLAN und moderneren Wagen. Die ÖBB investiert zwar kräftig in neues Rollmaterial für seine Nightjets, in Betrieb geht dieses aber erst im Jahr 2022 (womit wir wieder beim Punkt der langfristigen Planung der Verbindungen angelangt sind).

Bonus: Die Buchung

Während Flugreisen buchen mittlerweile relativ schnell und einfach möglich ist, auch wenn unterschiedliche Städte, Flughäfen und Airline kombiniert werden, ist die Buchung von europaweiten Zügen noch immer eine Herausforderung. Den Nachtzug selbst kann man zwar über die ÖBB Website buchen, allfällige Anschlussverbindungen dann aber nicht wirklich. Damit kommen Probleme hinzu, wenn der Zug verspätet ist und Anschlüsse verpasst werden. Portale wie Trainline versuchen hier Abhilfe zu schaffen, haben aber auch noch einen weiten Weg zu gehen (ich spreche aus Erfahrung).

Unter dem Strich ist die Lancierung der neuen Strecke kommunikativ sehr gut gelungen. Das Interesse der Öffentlichkeit an Nachtzügen wird damit forciert und zeigt, dass diese Form von Reisen in Zeiten von Flugscham ein grosses Potential hat. Und auch wenn die Linie im Moment noch einige Schönheitsfehler mit sich bringt, ist es doch ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einem breiteren Nachtzug-Netz.